Vorwort
Meine Homepage ist der sumerischen Göttin Inanna gewidmet.
Ich habe sie kennengelernt dank einer ungewöhnlichen Frau, einer Prinzessin, Priesterin und Poetin. Sie hat vor über 4000 Jahren die erste große Dichtung der Welt verfasst, hat sie in Tontäfelchen geritzt und ritzen lassen und zwar in sumerischer Keilschrift, weltweit der ersten Schrift überhaupt, erfunden vor etwa 5000 Jahren. So eine junge Schrift – und schon konnte sie Höchstes tragen. „History begins at Sumer“ heißt es deshalb. „Wiege der Kultur“ wird Sumer genannt.
Am Ende von drei großen Hymnen und 42 Tempel-Hymnen schreibt diese Frau:
Die dies hier erdacht hat,
bin ich, En-Hedu-Anna.
Mein König – etwas, das es vorher nicht gab,
habe ich es nicht geboren?
Auch das hatte es vorher nicht gegeben: Dass jemand seinen Namen unter sein Werk setzt.
Offensichtlich war sie sich sicher, dass der König ihr Werk zu schätzen wissen würde. Offensichtlich legte sie aber auch großen Wert auf offizielle Anerkennung. Der König war ihr Vater, der Gründer des ersten Großreichs der Welt; im Gebiet des heutigen Irak. Er herrschte 50 Jahre.
Unter seinen Nachfolgern erlebte En-Hedu-Anna nachgerade Shakespearesche Zeiten mit Königsmord und Königskampf. Sie wurde aus ihrem Amt im Mondtempel in Ur gefegt – wie ein Schwalbennest vom Fenstersims eines Stalls, schreibt sie. Sie musste in die Berge fliehen, in dorniges Gelände, durfte nicht mehr ihre geliebten Rituale zelebrieren, nicht mehr Träume deuten, war nicht mehr erwünscht bei Staatsgeschäften. Der neue König wollte anscheinend andere Rituale oder gleich sich selbst als Gott krönen lassen. Er wollte ihren Treueschwur zu Inanna auskehren wie Spinnweb. Sie litt für ihre Göttin und flehte um Hilfe. Sie könne nicht mehr schreiben. Sie klagte wie Hiob. Sie klagte wie eine moderne Dichterin. Aber sie verriet ihre Inanna nicht.
Ich flehe dich an, Inanna –
Ich sage STOPP!
Mach’ ein End’.
Dieser bittere Hass muss aufhören,
dieser Schmerz in der Brust …
ich gehöre dir –
warum quälst du mich?
Ich schluchze, flehe:
Hör mir zu!
Lass mich vor dir stehen
Dass deine Augen auf mir ruhen,
bittere Prüfung:
Nimm mein Maß!
Ich
Im ganzen Land lege ich Zeugnis ab
Von deinem beseligenden unverschleierten Licht,
deiner überwältigenden Göttlichkeit –
Und doch lehrst du mich
die Verwundbarkeit meines Fleischs –
Oh Inanna.
Lass dein Herz wieder klingen für mich//
Hinauswurf und Flucht hatte sie nicht erwartet. Immerhin war ihre Position die zweitmächtigste im Land. Zum König gab sie sozusagen den Papst bzw. eben die Hohepriesterin. Sie führte das Amt außerordentlich einprägsam mit ihren persönlich formulierten Hymnen, den Ritualen, den Tänzen und Choreografien für kleine Dramen, den Festlichkeiten. Es war eine Art Gesamtkunstwerk, was sie bot. [Selbst die Satire fehlte nicht, sie hatten einen ‚Sumerischer Loriot’.]
En-Hedu-Anna begründete das Amt der Hohepriesterin für mindestens ein halbes Jahrtausend. Es stand in Ansehen auch dann noch, als fast alles andere bereits zu Bruch geschlagen war.
Sie war verantwortlich für den Tempeldienst, für das Deuten von Träumen; für die Bewirtschaftung der umfangreichen Ländereien des Tempels. Ihre politisch wichtigste Aufgabe war, die Provinzen im Süden zu befrieden. Das Land Sumer im Süden des Zweistromlands war nicht gewohnt, vom Norden regiert zu werden. En-Hedu-Anna verfolgte die Strategie, konsequent Misstrauen abzubauen. Sie bewies dem Süden wieder und wieder, dass seine Götter und Göttinnen verehrt wurden wie zuvor. Das ganze Land lebte nach dem Mondkalender, wie es in der Antike üblich war. Die Hohepriesterin machte jedes Jahr eine große Rundreise, suchte alle Tempel im Süden auf. Dauerhaft wohnte sie im Tempel des Mondgotts Nanna und seiner Frau Ningal:
In Ur.
Viele von uns kennen den Namen aus der Bibel. Abraham* ist in Ur aufgewachsen. Die Religion der Sumerer war das kosmische Modell für die drei Hochreligionen. Allerdings mit einer einschneidenden Änderung: Die Göttinnen wurden abgeschafft, schmerzhaft und brutal. Monotheismus wurde Fortschritt genannt.
En-Hedu-Anna war also die Priesterin des Mondgotts Nanna/Sin (vom Berg Sinai, später fing dort Jahwe als lokaler Berggott an) in Ur. Sie repräsentierte Nanna. Sie war nach außen strikt loyal. Jedoch wenn sie ihre großen Gedichte schrieb, wandte sie sich unwillkürlich nicht an Nanna, sondern an seine Tochter Inanna, die Göttin des Himmels und der Erde, die Innin.
Inanna ist faszinierend.
Sie ist direkt. Sie überrascht, steckt voller Ideen. Wenn sie kann, geht sie Schwierigkeiten frontal an. Sie hat Kinder, sie küsst Babies gern, sie kann ihrem Mann schenken, dass er sich wie ein König fühlt. Sie weiß, wie Mann und Frau Geheimnisse austauschen, wenn sie sich lieben. Sie weiß alles über Liebe, ihre Liebe ist Liebe aus dem Herzen des Himmels. Sumer ist das Land, in dem Mann und Frau wie nirgends sonst darauf aus sind, die Freude einer Frau an der Liebe zu vervollkommnen.
Die armen Archäologen. Sie waren in der Mehrzahl eher konservativ, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Nun erforschten sie etwas, das die Bibel in manchen Passagen in Frage stellen konnte, etwas, das von daher die konservativen Kirchen zu Hause so und so nicht guthießen. Das gefährdete die Forschungsgelder und war an sich schon schlimm genug. Aber diese Frauen und Göttinnen, die sie samt Umfeld ausgruben, waren unglaublich! Immer wieder Bilder, Skulpturen oder Texte, die die eigene Frau zu Hause auf keinen Fall in die Hände bekommen sollte, schon gar nicht im Beisein ihrer Freundinnen. Ein Krieg war etwas Männliches, menschlich Anständiges. Aber für Geschlecht nackte Wörter zu verwenden – das war ein krimineller Akt. Mit Respekt registriert man, dass diese Archäologen dennoch weiter gruben, manchmal unter schlimmsten Bedingungen. Die Hitze, die Sandstürme, die örtlichen Kriminellen. Sie interpretierten zwar manches falsch, unterstellten zum Beispiel Prostitution, wann immer eine Frau auftauchte. Aber immerhin: Diese Archäologen schafften es mit Geduld, Präzision und einem Stück Vision:
Eine Kultur erhob sich mitsamt Göttin aus dem Staub.
*s. Rosenberg „The Historical Abraham“, NY 2006.
Er verweist auf den Vorläufer des Judaismus: Sumer.
Meine Mythen-Erzählung „Stationen einer Göttin“
Ich verwandle die Mythen, mit denen ich inzwischen schon etliche Jahre lebe, in eine Erzählung. Ich denke, das Böse (ich halte Vergewaltigung zum Beispiel für böse) wird man nicht los, wenn man es wieder und wieder zeigt und benennt. Wenn jeden TV-Tag/Nacht zig Morde und Vergewaltigungen angeboten werden, scheint es mir eine gute Idee, einmal einen ganz anderen Weg einzuschlagen.
Das will ich hier tun.
Es ist alles andere als Mainstream, nicht nur das Negative zu zeigen und zu schreiben, sondern auch das Positive UND auch noch von Göttlichem zu reden. Ich habe erfahren: Manche gruselt es regelrecht, wenn Gottheit mehr als ein Witz sein soll.
Dabei geht es mir nicht um Glauben. Oder etwa gar um eine neue Religion.
Es geht mir um Gottheitserfahrung.
Ich weiß, dass ich nichts beweisen kann.
Nun wissen wir so und so nicht viel über unsere Welt.
Vom Weltraum bleiben uns über 90% verschlossen, Stichwort: Dunkle Materie, dunkle Energie. Wissenschaftler sagen zwar, das sei eine Kleinigkeit, in ein paar Jahren hätten sie diese Probleme bestimmt gelöst. Bei über 90 % hört sich das für mich an wie sehr flacher Optimismus. Vielleicht hat ihr Autopilot vom limbischen System übernommen, sie können nicht anders als Probleme klein zu denken. Es läge im Normbereich.
Denn unser Denken und Fühlen und Tun wird zu über 90% von unserem Unbewussten gesteuert. Für den Insider bedeutet das: Die Göttin ist am Werk. Sie muss Milliarden Menschen miteinander vernetzen, damit der Zeitgeist eine erkennbare Richtung einschlägt. Wir verweigern ihr offiziell jeden Zugang, es gibt keine Hochreligion rund um eine Schöpferin. Da muss sie wenigstens zwischendurch durch unser Unbewusstes wogen.
Genies wie Einstein und Mozart, heißt es, ähneln ein wenig den Savants, diesen punktuell Hochbegabten. Die meisten erinnern sich an Dustin Hoffman in der Rolle des ‚Rainman’ mit fotografischem Gedächtnis. Savants leiden nicht selten an Obsessionen und Autismus, das kann auch auf Genies zutreffen. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass Hochbegabung eigentlich kein Mehr an Talent bedeutet, sondern ein Weniger. Der Mainstream-Kokon, der sich um das normale Gehirn bildet, wird bei Hochbegabten an einer oder an mehreren Stellen durchsichtig, so dass sie etwas von der ‚echten’ Wirklichkeit sehen. Die Planung sieht vor, eine solche Transparenz an vielen Stellen des Gehirns künstlich zu erschaffen und so in etwa 100 Jahren auf einen kreativen Übermenschen zuzusteuern.
Das finde ich eine anregende Vorstellung.
Vielleicht hilft sie mir, dachte ich, die letzten 4000 Jahre transparent werden zu lassen, versuchsweise. Wie hat eine damalige Göttin Menschwerdung erlebt? Denn das ist in jedem Sinn unvorstellbar. Nun gilt das freilich für das Erleben einer Gottheit so und so. Wie fühlt sich eine, die sagen kann:
Mein Vater hat mir den Himmel gegeben,
hat mir die Erde gegeben.
Misst sich einer, ein Gott,
mit mir?
En-Hedu-Anna schreibt:
Du bist das Begehren als köstliche Frucht
immer wieder neu
herabgestiegen aus dem Herzen des Himmels
für uns und deinen Liebling
den Himmelsstier Ama-Ushumgal-anna –
Über diese Zeilen entdeckte ich Inanna.
(Ich bin keine Sumerologin, ich übersetze aus Meador De Shongs exzellenter Nachdichtung ins Deutsche.)
Inanna war die Jüngste von Mondgott Nanna und Ningal. Ihre ältere Schwester war Nisaba, der die Erfindung der Schrift und des ersten Runden Tischs zugeschrieben wird, alles was mit ‚Messungen vornehmen und Ordnungen setzen’ zu tun hat. Ihr Bruder ist Utu, die Sonne, Gott der Gerechtigkeit. Ihre andere Schwester ist Eresh-Ki-Gal, die Göttin der Unterwelt, die manchmal auch Inannas Zwillingsschwester genannt wird.
Inanna ist die Göttin des Morgensterns und Abendsterns. Ihr Sternzeichen findet sich auf Zehntausenden von Tontäfelchen.
Mondgöttin nenne ich sie, weil sie aus dem Mondhaus stammt; weil sie verglichen wird mit dem jungen Mond; weil sie von manchen über Mondgott Nanna gestellt wird, auch von En-Hedu-Anna; weil sie ihrem Liebsten die Tür öffnet, um ihm dann wie ein Mond voran zu schweben ins Innerste.
Mondgöttin auch, weil sie die facettenreichste Göttin ist, voller Ambivalenzen.
Mondgöttin vor allem aber, weil sie als erste Gottheit es gewagt hat, in die Unterwelt hinabzusteigen, wie es der Mond jeden Monat tut. Sie erleidet den Tod als Mensch, sie wird zu totem Fleisch. Ihr gelingt die Wiederauferstehung.
[Hier nehme ich eine wichtige Änderung vor. Auch Mythen müssen sich ändern, vor allem, wenn sie lasch geworden sind, wenn sie Wesentliches der Realität ausblenden. Seht bitte dieses Kapitel 16 an, ich habe monatelang hin und her überlegt, ich hoffe, es überzeugt.]
Zu den Bildern
Es gibt eine Maske mit dem Namen:
Die Herrin von Warka.
Warka ist der heutige Name für Uruk. Uruk war Inannas Stadt, wurde die größte Stadt der Antike über Hunderte von Jahren.
Ich stelle mir vor, diese Maske sei eine Inanna-Maske: Mit den Lapislazuli-Augenbrauen, den herausgebrochenen Augen.
Daraus habe ich mein zentrales Inanna-Bild abgeleitet.
Inannas Kennzeichen sind:
Sie ist nicht der externe, unbewegte Beweger.
Sie ist auch nicht die einzige Gottheit.
Sie ist als göttliche Grundsubstanz der Materie immanent und prägt gleichzeitig kreativ deren Struktur, treibt die Entwicklung voran, lässt Geist wachsen, formt ihn, kappt ihn. Geist ist in ihren Augen Natur, ein Gedanke, erst recht ein Gedankengebäude bewegt sich machtvoll durch die Jahreszeiten und Zyklen, atmet und schnauft, wird schwächer und plötzlich will es niemand mehr denken. Es rutscht ins Ungedachte zurück.
Sie mag keine Stellvertreter, wenn es ernst wird. Das Weltall entstand aus Gewalt. Naturkatastrophen gehören immer noch zu unserem Alltag global. Ebenso Krieg. Inanna steht ein für das ganze Real. Auch für den Tod: Sie verwandelt sich in Fleisch, Schleim, Staub. Sie stirbt wie ein Mensch, hängt drei Tage und Nächte am Haken. Dann kommt es zu einem Mysterium, in Kapitel 16.
Inanna ist in allem, was existiert.
Das verbinde ich mit dem Ausspruch, dass wir alle einen göttlichen Funken in uns tragen. Erweitert: Alle Lebewesen sind miteinander vernetzt. Auch das, was wir normalerweise tot und unbeseelt nennen, wird von ihr einbezogen.
Ich zeige ‚meine’ Inanna, kenntlich an Augenbrauen und Sternenhimmel-Kopf, in möglichst vielen Situationen, Stimmungen, aus unterschiedlichen Perspektiven. Es kann ein Kind sein, ein alter oder jüngerer oder erwachsener Mensch, Mann oder Frau. Es können Frauen aus allen Erdteilen und jeder Glaubensrichtung sein.
Ich werde versuchen, einen Berg oder einen Stuhl mit einer Inanna-Maske zu versehen, um die Vernetzung auch hier deutlich zu machen. Inanna atmet auch in der Stadtmauer.
Alles gehört zusammen, das Belebte und das Unbelebte auf unserem Raumschiff Erde.
Das raffiniert Ausgetüftelte und das flüchtig, nachlässig Hingeworfene.
Jules Cashford, eine Cambridge-Professorin („Im Bann des Mondes“), hält es für möglich, dass ein Umkehrpunkt erreicht worden ist: Der Anblick unserer Erde vom Mond aus: so klein, so schön, so herzzerreißend verletzbar, könnte zum Archetyp werden, der letztlich einen Sinneswandel auslöst.
Auf dass Gleichberechtigung lebendig wird: Im Himmel und auf Erden und in der Unterwelt. //
Ich werde nach dem Copyright für die Hubble-Fotos gefragt.
Hubble ist großzügig: s. Hubble.org. s. mural_copyright_carina_color.
Hin und wieder werde ich gefragt, ob ich glaube, eine Göttin zu sein, da ich über Göttinnen schreibe.
Nein, das glaube ich nicht. Im kreativen Schöpfungsrausch ist nahezu alles möglich, beseligende Unio Mystica inclusive. Mein Tagbewusstsein unterscheidet sich jedoch auf nahezu drollige Art von dem einer Göttin. Obwohl ich in Nürnberg aufgewachsen bin, wo göttlicher Größenwahn durchaus in der Luft liegen kann, s. die Selbstbildnisse des berühmtesten Nürnbergers. Er prägte vor einem halben Jahrtausend das Bild des Künstlers als des Renaissance-Menschen, als des Nachfolgers Christi, als des Weltenrichters im Pelz.
Ich übernehme für einen Moment seine Rolle: „Imme Anna Norica im Pelz Albrecht Dürers“.
Irgendwann wünsche ich mir eine Ausstellung mit meinen Wandbildern. Ich stelle mir die meisten 3 Meter lang vor und ca. 1,20 m breit. Die quadratischen sind 2x2 m. Sie werden auf durchsichtige selbstklebende Folien gebracht hinter Plexiglas, das hinterleuchtet wird. Der Raum kann nahezu dunkel sein.
So können meine Himmel leuchten zu Ehren der Göttin.

